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Obstbau,  01.06.2017

Insekten-Nisthilfen – Anmerkungen zur Ernte und zur Pflege

Autor/in: Wolfram Klein
Quelle: Obstbau [Deutschland]


In den letzten Jahren wurden im Norddeutschen Obstbau, mit Unterstützung der beiden Erzeugerorganisationen Elbe-Obst und MAL (Marktgemeinschaft Altes Land), einige Hundert Insekten-Nisthilfen aufgestellt.

 

Die Maßnahme zielt darauf ab, die Bestäubungsleistung von Honigbienen und Hummeln durch die Ansiedlung wildlebender Mauerbienen in den Obstkulturen zu ergänzen.

 

Dies ist insofern zweckmäßig, weil jede dieser bestäubenden Insektenarten hinsichtlich ihrer Bestäubungsleistung, z. B. bei unterschiedlichen Witterungsbedingungen, Stärken und Schwächen aufweist. Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Frage, wie mit dem Nachwuchs der Mauerbienen in den Kokons und den Nisthilfen im Weiteren zu verfahren ist.

 

Bienenkokons – Ernten oder in den Nisthilfen belassen?

Grundsätzlich können Mauerbienen auch ohne Intervention des Menschen im Freiland überwintern. Zumindest hat dies viele Millionen Jahre ohne den Menschen funktioniert. Die Mauerbienen gehören zu den Solitärbienen. Sie bilden also keine „Staaten“, sondern sorgen als Einzeltiere für den Fortbestand der eigenen Art. Hohe Individuendichten, wie sie in den aufgestellten Insekten-Nisthilfen auftreten können, sind bei Mauerbienen in natura eher die Ausnahme.

 

Ohne weitere Pflege der Nisthilfen werden aber bei hoher Mauerbienendichte Parasiten (vor allem Milben, Fliegen und Wespen) und Räuber (v. a. Vögel), gelegentlich auch Ameisen und Spinnen, neue Gleichgewichte herstellen. Für ökologische Betrachtungen ist ein Sich-Selbst-Überlassen der Nisthilfen durchaus interessant. Die Mauerbienendichte und damit die Bestäubungsleistung werden hierbei allerdings deutlich verringert werden.

 

Ernte der Kokons

Obstanbauer, die die Bestäubungsleistung der Mauerbienen mehrjährig und gesichert nutzen wollen, werden also um eine Ernte und Pflege der Kokons und Nisthilfe-Bretter nicht herumkommen. Die Nisthilfen bestehen aus den Komponenten, die in Abb.1 benannt werden. Die Nistblöcke können grundsätzlich nach dem Ende des Mauerbienenflugs, d. h. etwa ab Juli, den Nisthilfen entnommen werden. Eine Zwischenlagerung z. B. in einem Schuppen ist  zum Schutz vor Vogelattacken und Nässe sinnvoll. Die Nistblöcke sollten weder beim Transport noch bei der Lagerung gekippt werden, sondern so wie im Feld aufrecht stehen.

 

Gegen Ende des Sommers befinden sich in den Kokons die fertig entwickelten Vollinsekten, sprich Mauerbienen. Die Tiere sind für den Menschen harmlos! Für die „Ernte“ werden die Nistblöcke, z. B. nach der Apfelsaison im November, geöffnet.

 

Dass sich außer den Bienenkokons auch noch anderes auf den Nistbrettern entdecken lässt, zeigt Abb. 2.

 

Auf den Nistplatten befinden sich u. a. auch extrem von Milben durchseuchte Zellen (s. Foto 2) und Gespinste von Sackspinnen (s. Foto 3), das sind überwiegend nachtaktive Spinnen aus der Familie der Clubionidae, sowie größere Mengen an Pollenresten.

 

Personen, die auf Hausstaub, Milben oder Blütenpollen allergisch reagieren, sollten die nachfolgend beschriebenen Arbeiten entweder an Nicht-Allergiker delegieren oder sich selbst bei der Arbeit entsprechend schützen (Mundschutz!).

 

Bei der „Ernte“ der Mauerbienen-Kokons werden möglichst nur saubere Kokons entnommen. Die Kokons werden mittels einer Pinzette aus den Röhren herausgelöst und in ein grobmaschiges Küchen-Sieb, z. B. Nudelsieb, verfrachtet und unter fließendem, kaltem Wasser von Verunreinigungen und z. B. Milben gereinigt. Kokons mit extremem Milbenfall oder sehr groben anderen Verunreinigungen werden verworfen.

 

Die Erfahrung lehrt, dass es vorteilhaft ist, Aktionen wie die Wahl des Küchensiebes und den Ort der Reinigung vorher mit dem Lebensgefährten/Partner abzuklären.

 

Nach der Reinigung werden die Kokons auf Handtuch- oder Küchenpapier getrocknet und z. B. in einem Pappkarton gesammelt und kühl aufbewahrt. Für die Lagerung geeignet sind Temperaturen zwischen 0 und 4 °C, d. h. im Prinzip auch Kühlschränke, wenn dort auf ausreichende Feuchte geachtet wird. Einfacher dürfte die Lagerung in einer nicht genutzten Ecke des Disporaumes sein.

 

Die einzelnen Bretter der Nisthilfeblöcke sollten ebenfalls unter fließendem Wasser, in diesem Fall auch mit heißem Wasser und einer Küchenbürste grob gereinigt wer
den. Zur Beseitigung der Mörtelreste hat sich die Verwendung eines Löffelstiels bewährt. Eine Nachbehandlung und Trocknung mit einer Heißluftpistole, wie sie im Baumarkt für 20,– bis 40,– 7 zur Beseitigung von Farben und Lacken von Holz verwendet wird, reduziert so Keime und beseitigt evtl. noch anhaftende Milben.

 

Im kommenden Frühjahr…

Wenn die Witterung passt und erste Pollen-Nahrung verfügbar ist, werden die Kokons ca. zwei Wochen vor dem erwarteten Blühbeginn aus der Kühlung geholt und gemeinsam mit den Nistblöcken wieder in der Nisthilfe platziert.

 

Der Pappkarton mit den Mauerbienen-Kokons wird im Zwischenraum oberhalb des Nistblocks, zwischen Nistblock und Dachabdeckung, untergebracht. Die Dachabdeckung der Nisthilfe wird, z. B. durch einen hineingestellten Eierkarton, einen Spalt breit offen gehalten, so dass aus den Kokons geschlüpfte Bienen herausfliegen können.

 

Wenn die ersten Bienen schlüpfen, sollte dies im Kalender notiert werden. Eine weitere Termin-Notiz im Kalender, für den ersten Schlupf plus drei Wochen, dient der Erinnerung an die Nachkontrolle. Denn Bienenkokons, aus denen nach drei bis vier Wochen noch keine Bienen geschlüpft sind, werden aus hygienischen Gründen verworfen. In diesen Kokons befinden sich oftmals Gegenspieler der Mauerbienen, z. B. parasitische Fliegen oder Erzwespen.

 

Ergänzung

In den meisten Jahren dürfte im Obstbau kein Mangel an Baumaterial für den Zellenbau und Verschluss der Niströhren auftreten. Jeder offen gehaltene Baumstreifen bietet ausreichend Zugriff auf Baumaterial, ganz unabhängig davon, ob dies über Herbizide oder mechanisch erreicht wird. Dies gilt tendenziell auch für Fahrspuren aus der letzten Erntesaison. Ob längere Trockenphasen, wie z. B. im Frühjahr 2015, die Verfüg- oder Verwendbarkeit des Baumaterials begrenzen, wurde meines Wissens nach bislang nicht untersucht. 

 

Zusammenfassung

 

Danksagung

Für hilfreiche Diskussionen, Ideen und Anregungen möchte ich mich u. a. bei Jan Hinrich Minners und Klaus Minners bedanken.

 

Alles noch mal zum Nachlesen:

Das Buch „Einsatz von Mauerbienen zur Bestäubung von Obstkulturen“ von J.-C. Kornmilch ist ein Handbuch zur Nutzung der Roten Mauerbiene in Obstplantagen und Kleingärten. Es ist kostenlos erhältlich unter: http://www.bienenhotel.de/html/mauerbienenzucht.html

 

Autor

Dr. Wolfram Klein

ESTEBURG Obstbauzentrum Jork, Moorende 53, 21635 Jork

Tel.: 04162 6016104

E-Mail: wolfram.klein@lwk-niedersachsen.de

 



 

1975 hat der Vorstand der Fachgruppe Obstbau den Beschluß gefaßt, ab Januar 1976 eine Verbandseigene Fachzeitschrift herauszugeben. OBSTBAU hat sich seitdem zu einer renommierten Fachzeitschrift entwickelt, auf die kein zukunftsgerichteter Betriebsleiter/ Betriebsleiterin verzichten kann. Mit einer Auflage von über 7000 Exemplaren ist OBSTBAU heute die größte überregionale Fachzeitschrift für Obstbau im deutschsprachigen Raum.



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