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Laubschneider, 11.01.2013

TEILENTBLÄTTERUNG - MANUELL ODER MASCHINELL?

Die Teilentblätterung von Rebanlagen in der Traubenzone hat in jüngerer Vergangenheit stark an Bedeutung gewonnen.
Die Teilentblätterung von Rebanlagen in der Traubenzone hat in jüngerer Vergangenheit stark an Bedeutung gewonnen. Das DLR-Rheinpfalz wurde vom ATW beauftragt, Studien über Auswirkungen der Entblätterung auf verschiedene physiologische Aspekte der Rebe durchzuführen. Hierzu wurden verschiedene Geräte untereinander und mit der manuellen Teilentblätterung verglichen, die Arbeiten wurden an der FH Geisenheim in Form einer Diplomarbeit begleitet. Dr. Matthias Petgen, DLR-Rheinpfalz, Abteilung Weinbau und Oenologie, Prof. Dr. Hans-Peter Schwarz, Forschungsanstalt Geisenheim, Fachgebiet Technik, und Johannes Schild, St. Katharinen, stellen die Ergebnisse vor.
 
Die Teilentblätterung wird mittlerweile als wesentlicher Baustein eines gezielten Qualitätsmanagements angesehen. Beim Vergleich der aktuell auf dem deutschen Markt befindlichen Geräte untereinander und mit der manuellen Teilentblätterung ist besonderes Augenmerk auf eine gezielt wählbare Intensität der Entblätterung und die Vermeidbarkeit von Beschädigungen der Gescheine beziehungsweise Trauben zu richten. Andererseits ist auch die möglicherweise gewünschte Entfernung von Gescheins- oder Traubenteilen zu bewerten, was dem Nebeneffekt einer maschinellen Ausdünnung gleich kommen kann. Somit ergibt sich - im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung - folgerichtig die Frage nach Veränderungen der Most-/Weinqualität (messbar zum Beispiel mit FTIR-Methode) und weiterer physiologischer Reaktionen der Rebe (zum Beispiel induzierte Verrieselung).
 

Was wurde untersucht?

In der Vegetationsperiode 2006 wurden in einer Portugieser- und einer Rieslinganlage an der Nahe zu zwei unterschiedlichen Terminen (erster Termin zwischen ES 63 und 65 = Vollblüte; zweiter Termin zwischen ES 73 lind 75 = Stadium Erbsengröße) verschiedene Entblätterungsvarianten (maschinell mit Geräten der Firmen Clemens und Binger Seilzug sowie manuell) durchgeführt. Die Varianten wurden einseitig auf der sonnenabgewandten Seite entlaubt. Pro Standort wurden folglich sieben Varianten (einschließlich der Kontrolle) unterschieden, jede Variante wurde an 30 Stöcken mit je vier Wiederholungen durchgeführt.
In Tabelle 1 sind die Ergebnisse über die Auswirkungen der Entblätterung auf die Entlaubungsintensität, den Verrieselungsgrad, die Traubenkompaktheit sowie Traubenbeschädigungen dargestellt. Um die Entlaubungsintensität zu ermitteln, wurde die Blattzahl der Haupt- und Geiztriebblätter (alle Blätter größer als 3 cm) vor und nach der Behandlung an 24 Stöcken in jeder Variante ermittelt. Es konnte bei beiden Sorten beobachtet werden, dass zum frühen Entblätterungszeitpunkt zwar weniger Blätter entfernt wurden, jedoch der prozentuale Anteil an entfernter Blattfläche höher war als zum späten Zeitpunkt. Dieser Effekt kann dadurch erklärt werden, dass die Laubwand zum frühen Entblätterungszeitpunkt noch nicht komplett ausgebildet war. Die Entblätterungsintensität variierte auch zwischen den Entlaubungssystemen,  wobei das Gerät von Binger Seilzug die Traubenzone stärker freistellte als das Gerät der Firma Clemens.
Wie erwartet führte die frühe Entblätterung bei beiden Sorten zu einem höheren Verrieselungsgrad. Beim Riesling konnte der höchste Verrieselungsgrad bei beiden maschinellen Entblätterungsvarianten bonitiert werden. Die Variante Clemens ES 65 beim Portugieser zeigte mit 4,85 % den höchsten Verrieselungsgrad, zu den übrigen Varianten auch statistisch absicherbar. Im Vergleich zum Portugieser zeigte der Riesling im Durchschnitt höhere Verrieselungsgrade auf. Um die Lockerbeerigkeit beziehungsweise Taubenkompaktheit festzustellen, wurden pro Variante an 40 Trauben die Länge (cm) und das Gewicht (g) bestimmt. Aus dem Quotient von Traubengewicht und Traubenlänge kann eine Aussage über die Lockerbeerigkeit beziehungsweise Kompaktheit der Trauben in g/cm getroffen werden. Die in die abgehende Blüte durchgeführten Entblätterungsvarianten führten bei der Rebsorte Riesling zu einer deutlich verringerten Kompaktheit der Trauben, das heißt einer durch die frühe Entblätterung induzierten Lockerbeerigkeit.
Die Beschädigungen der „jungen Trauben" waren wie erwartet zum frühen Behandlungstermin höher als zum späten Termin und zeigen somit den Nebeneffekt der maschinellen Ausdünnung, da Gescheinsteile erfasst und entfernt werden. Beim späten Entblätterungstermin wurde die äußerst schonende Arbeitsweise des Gerätes der Firma Binger Seilzug erkennbar (beide Sorten 0,1% BS); dies zeigt deutlich, dass die Entblätterungsgeräte nach dem Prinzip „saugend-zupfend" bis Reifebeginn, ohne nennenswerte Verletzungen zu verursachen, eingesetzt werden können.
Die Erträge ([siehe Tabelle 2]) wurden beim Riesling durch die frühe Entblätterung reduziert, wohingegen die späte Entblätterung keine Auswirkungen hatte. Besonders in der Variante „Clemens ES 65" wurde ein hoher Traubenbeschädigungsgrad festgestellt ([siehe Tabelle 1]). Durch die maschinelle Entblätterung mit dem System „saugend-schneidend" wurden Gescheinsteile miterfasst und haben somit auch das Ertragsniveau abgesenkt. Das Mostgewicht blieb nahezu unverändert. Eine deutliche Ertragsreduzierung trat ebenso bei der Variante „Clemens ES 65" beim Portugieser auf, was letztlich zu einem höheren Mostgewicht führte (86° Oe). Das niedrige Mostgewicht der Variante „Binger ES 74" kann auf die hohe Entlaubungsintensität zurückgeführt werden. Hierbei war die Rebe offensichtlich nicht mehr in der Lage, den Blattflächenverlust durch Geiztriebbildung auszugleichen. Die nicht entblätterte Kontrolle zeigte ebenso ein geringes Mostgewicht. Dies kann damit erklärt werden, dass bei dieser Variante die Trauben am stärksten beschattet waren, wodurch die Invertaseaktivität verringert wird, die wiederum mitverantwortlich für die Zuckereinlagerung ist. Bei der Sonnenbrandbonitur traten zwischen den Varianten keine signifikanten Unterschiede auf. Der Befall war 2006 auf einem insgesamt niedrigen Niveau. Das Auftreten der Stiellähme konnte bei der Rebsorte Riesling durch die verschieden Entblätterungsvarianten reduziert werden, wobei der Effekt bei der frühen Entblätterung deutlicher ausfiel als bei der späteren Entblätterung.
Der Botrytisbefall beim Riesling war in den entblätterten Varianten niedriger als in der Kontrolle, wobei der niedrigste Befall bei der späteren Entblätterung auftrat ([siehe Abbildung]). Obwohl die Trauben durch die frühe Entblätterung stärker verrieselten und eine geringere Kompaktheit zeigten, fiel der Botrytisbefall in den späten Entblätterungsvarianten signifikant niedriger aus. Es wird davon ausgegangen, dass die Laubwand wieder stärker zugewachsen ist, wodurch die Traubenzone weniger belüftet wurde und damit die Trauben auch schlechter abtrocken konnten. Gandolfi und Koblet (1991) unterstreichen diese Annahme und führen an, dass durch die Entfernung von Haupttriebblättern mehr Geizigtriebe gebildet werden. Demzufolge würden die entblätterten Varianten am Ende der Vegetationsperiode die gleiche Blattfläche aufweisen. Ähnliche Ergebnisse konnten bei der Rebsorte Portugieser beobachtet werden, allerdings sind die Ergebnisse nicht statistisch abgesichert ([siehe Abbildung). Die geringste Befallshäufigkeit wurde bei der Variante „Clemens ES 74" festgestellt, was durch die aufgelockerte Traubenstruktur erklärt werden kann.
Die Gesamtphenolgehalte im Most waren mit dem Gerät der Firma Clemens (443 mg/1 als höchster Messwert) mit Ausnahme der frühen maschinellen Entblätterung in den entblätterten Varianten tendenziell niedriger als in der Kontrolle (s. Abb. 9), was so nicht erwartet wurde. Die Unterschiede gehen möglicherweise auf den hohen Botrytisbefall in der Kontrolle und in der Variante Clemens ES 65 zurück. Zur Bestimmung der Aromadichte wurde die Glycosyl-Glucose-Analyse durchgeführt. Die Aromastoffe liegen in der Traube in freier und gebundener Form vor. Darunter befinden sich Aromavorstufen (Glycosyl-Glucose), die an Zucker gebunden sind. Bei der G-G-Analyse werden diese glycosidisch gebundenen Stoffe bestimmt, die auch als Aromapotenzial bezeichnet werden.
Bei der Aromapotenzialmessung wurden in allen Entblätterungsvarianten signifikant höhere Glycosyl-Glucose-Gehalte gemessen ([siehe Abbildung]). Diese Ergebnisse stimmen mit den Untersuchungen von Prior (2006) an Silvaner überein. In der Kontrolle wurde mit 0,463 umol/g Beerenfrischgewicht der niedrigste Wert bestimmt. Die früh entlaubten Varianten zeigten tendenziell, mit Ausnahme der Variante Clemens ES 65, niedrigere Gehalte als die spät entblätterten Varianten. Die höheren Werte sprechen ganz eindeutig für die Qualitätsverbesserung beim Weißwein. Als Grund kann die bessere Belichtung der Trauben herangeführt werden, wodurch der Anteil an aromatischen Vorläufersubstanzen in der Beerenhaut gefördert wird. Die Annahme, dass das Aromapotenzial mit dem Mostgewicht korreliert, konnte durch die Mostanalysen nicht bestätigt werden ([siehe Tabelle 2]). Es ist jedoch wahrscheinlich, dass durch die aufgetretenen Botrytisinfektionen das Mostgewicht verändert wurde.
Die Ergebnisse der Farbdichtemessung sowie des Gesamtphenolgehaltes beim Portugieser sind in  dargstellt. Durch die Entblätterung wurden in allen Varianten höhere Farbdichten sowie Gesamtphenolgehalte gemessen, und sie bestätigen den positiven Einfluss dieser weinbaulichen Maßnahme für die Rotweinqualität. Die höchsten Farbwerte wurden in den Varianten „Clemens ES 65" mit 5,21 beziehungsweise 4,72 bei „Clemens ES 74" bestimmt. Tendenziell zeigten sich in den frühen Entblätterungsvarianten höhere Farbwerte. Diese lassen sich auf den geringeren Ertrag dieser Varianten zurückführen ([siehe Tabelle 2]). Die bessere Belichtung der entblätterten Varianten erleichtert durch die höheren Beerentemperaturen die Farbstoffsynthese und erklärt die höheren Messwerte.
 

Sensorische Analyse

Die deskriptive sensorische Analyse der Versuchsweine wurde am 09.08.2007 mit 18 Probanden mit einer Wiederholung im Weingut Schild in St. Katharinen durchgeführt. Zur Unterscheidung der Versuchsvarianten wurde bei beiden Sorten ein Triangeltest durchgeführt, der allerdings keine signifikanten Unterschiede zeigte. Die Ergebnisse der deskriptiven Analyse beim Riesling sind in den Abbildungen [siehe Abbildungen] dargestellt. Aufgrund der Datenvielfalt wurden die Ergebnisse nach dem Einsatzzeitpunkt (ES 65 und ES 74) getrennt dargestellt. Die Kontrolle wurde auf 100 % gesetzt. Die frühe Entblätterung zeigte beim Attribut „Mottenkugeln" niedrigere Werte. Die für den Riesling typischen Aromen „Pfirsich" und „Zitrone" wurden ebenfalls tendenziell durch die Entblätterungsmaßnahmen intensiviert. Die Weine der spät entblätterten Varianten waren außerdem weniger bitter und hatten mehr Körper/Dichte. Beim Portugieser zeigten sich bei den Attributen „Kirsche" „Beerenfrüchte", „würzig" und „adstringierend" keine signifikanten Unterschiede zwischen den Versuchsvarianten.
Lediglich beim Attribut „Körper/Dichte" wurde die Variante „Binger ES 65" am höchsten bewertet. Die verbleibenden Varianten unterschieden sich bei „Körper/Dichte" nicht voneinander.
 

St. Laurent und Riesling - Versuch in Neustadt (2007)

In der Vegetationsperiode 2007 wurden in einer St. Laurent- und einer Rieslinganlage in Neustadt/Weinstraße an zwei unterschiedlichen Terminen (ES 68 und 76) verschiedene Entblätterungsvarianten (maschinell mit Geräten der Firmen Clemens und Stockmayer sowie manuell) durchgeführt. Ergänzend aus den Erkenntnissen des Versuchsjahres 2006 wurde eine weitere Variante hinzugefügt, die an beiden Terminen entblättert wurde. Der Botrytisbefall war in den entblätterten Varianten niedriger als in der Kontrolle, wobei der niedrigste Befall bei der Variante „zwei Mal entblättert" auftrat. Vergleichbare Ergebnisse konnten bei der Rebsorte St. Laurent beobachtet werden ([siehe Abbildung 16]). Zwischen den Entblätterungssystemen traten bei beiden Rebsorten diesmal hinsichtlich des Botrytisbefalls keine signifikanten Unterschiede auf. Das Mostgewicht blieb bei beiden Sorten nahezu unverändert ([siehe Tabelle 3 und siehe Tabelle 4]). Die Gesamtsäuregehalte waren in den Entblätterungsvarianten bei der Rebsorte St. Laurent tendenziell niedriger. Die flüchtige Säure, hervorgerufen durch Schaderreger wie Essigfäulebakterien war in allen Entblätterungsvarianten niedigerr als in der nicht entblätterten Kontrolle. Bei der Sonnenbrandbonitur zeigten insbesondere die spät entblätterten Varianten einen höheren Befall. Durch die frühe Entblätterung konnte der Sonnenbrandbefall 2007 nicht wie erwartet reduziert werden. Ursache hierfür lag sicherlich in den außergewöhnlichen Witterungsbedingungen in 2007, wobei es bei einem Witterungsumschwung Mitte Juli zu extrem hohen Temperaturen kam, die zu den Sonnnenbrandschäden geführt haben (Petgen, 2008).  Zukünftig muss die Entblätterungsstrategie aber darauf ausgerichtet sein, mögliche Schäden soweit als möglich auszuschließen.
Der Entblätterungszeitpunkt sollte früh gewählt werden, um eine gewisse Abhärtung der Beeren zu erreichen. Grundsätzlich sollte vorrangig die sonnenabgewandte Seite (Nord- beziehungsweise Ostseite) entblättert werden. Auf ein beidseitiges Freistellen der Traubenzone sollte bei empfindlichen Sorten verzichtet werden. Sicherer ist ein mehrmaliges moderates Arbeiten als ein einmaliges radikales Freistellen. Aufgrund der mittlerweile hohen Eigenmechanisierung mit leistungsfähigen Entblätterungsgeräten kann ein zweimaliges maschinelies Entblättern durchaus als Empfehlung gegeben werden.
 

Fazit

Die Teilentblätterung der Traubenzone hat sich als qualitätsfördernde Maßnahme im deutschen Weinbau fest etabliert. Die vorliegende Untersuchung hat bei den Rebsorten Riesling, Portugieser und St. Laurent gezeigt, dass es zwischen den Entblätterungssystemen Unterschiede bezüglich verschiedener Parameter der Traubenqualität gibt, die zwangsläufig nicht immer für die Weinqualität gelten. Die Ergebnisse aus dem Versuchsjahr 2007 haben die Erkenntnis aus dem Vorjahr insbesondere zur guten Wirkung der Teilentblätterung bei der Botrytisreduzierung bestätigt. Eine Empfehlung zum zweimaligen moderaten Teilentblättern kann aufgrund der besseren Botrytiswirkung für die Praxis gegeben werden.
 

Medium

 
  • Die Forschungsanstalt Geisenheim ist eine der ältesten Forschungseinrichtungen des Wein- und Gartenbaus im deutschsprachigen Raum.
  • Im Rahmen einer engen Verknüpfung mit der Hochschule RheinMain werden in Geisenheim rund 1000 Studierende der Fachrichtungen Weinbau und Oenologie, Getränketechnologie, Gartenbau sowie Landschaftsarchitektur von den Mitarbeitern der Forschungsanstalt in Vorlesungen und Übungen mit betreut.
  • Ziel unserer Arbeit ist es, innovative Forschungen in anwendbare Handlungsansätze für die Praxis umzusetzen und anzubieten, um deren Konkurrenzfähigkeit zu stärken. Die zukünftigen Diplomingenieure, Bachelors und Masters sollen sowohl national als auch international Leitungsfunktionen in den von uns vertretenen Industrien übernehmen können.
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