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Traktoren, 12.04.2012

MOTORTUNING - EINE GRATWANDERUNG

Etwas zu tun oder auszuprobieren, was eigentlich verboten ist, hatte schon immer einen besonderen Reiz und in unserem Fall ist die Versuchung groß, auszureizen, was aus dem Schlepper herauszuholen ist.

Verbotenes reizt

Etwas zu tun oder auszuprobieren, was eigentlich verboten ist, hatte schon immer einen besonderen Reiz und in unserem Fall ist die Versuchung groß, auszureizen, was aus dem Schlepper herauszuholen ist. Manche hoffen, durch Motortuning auch den Spritverbrauch des Fahrzeuges zu senken. Der Haken dabei ist, dass solche Eingriffe meistens gesetzeswidrig sind. Ein getuntes, umgangssprachlich auch frisiertes Fahrzeug, verliert die Zulassung, die Herstellergarantie und unter Umständen auch den Versicherungsschutz. Trotz alledem und vieler Warnhinweise ist das Motortuning im Vormarsch.
 

Zwei Tuning-Arten

Beim Motortuning an elektronisch gesteuerten Common-Rail-Motoren werden zwei Vorgangsweisen unterschieden, dem nachträglichen Einbau eines Zusatzsteuergeräts und dem das Umprogrammieren der Motorsteuerbox, das OBD-Tuning (On Board Diagnostik, auch Chip-Tuning genannt). Die Zusatzsteuergeräte werden immer beliebter. Laut Herstellerangaben wird mit solchen Geräten bei Bedarf die Diesel-Einspritzmenge und somit die Leistung um mindestens 10% erhöht sowie der Dieselverbrauch um bis zu 20% reduziert. Die Motorelektronik wird manipuliert, sodass bei Bedarf der Druck im Common-Rail-System um bis zu 200 bar ansteigt und bei gleichen Öffnungszeiten der Injektoren mehr Diesel über diese einspritzt.
An gewissen Boxen kann man zwischen zehn unterschiedlichen Einstellungen auswählen. Die „Tuningkits" bestehen aus einem Zusatzgerät und einem zum Motor passenden Kabelsatz. Die Geräte sind einfach einzubauen und zudem sehr preiswert, sie kosten in Deutschland zwischen 400 bis 500 Euro. Das dürften wohl die Hauptgründe für die stark zunehmende Verbreitung sein. Vorteilhaft ist bei der Verwendung eines Zusatzsteuergeräts, dass die Motorsteuerbox die Endkontrolle beibehält. Wenn etwas falsch laufen würde, geht der Motor nach wie vor in den Notlauf.
Beim OBD- oder Chip-Tuning wird ein Kabel an die Servicesteckdose des Schleppers angeschlossen, um die Daten von der Steuerbox auszulesen und anschließend per E-Mail zum Tuner zu schicken. Die bearbeiteten Daten werden wieder zurückgeschickt und können auf dieselbe Weise über die Servicesteckdose des Schleppers in die Steuerbox eingespielt werden. Das Tuning darf nur von einem Techniker durchgeführt werden, denn laut Programm können eine Mehrleistung von über 20% und ein Minderverbrauch von 10 bis 20% erreicht werden. Zudem besteht die Möglichkeit eine Vielzahl von Parametern umzuprogrammieren, wie die Kalibrierung der Gaspedalstellung, den Ladedruck des Turboladers bis hin zu den Einspritzzeitpunkten und Einspritzmengen der Injektoren. Diese Art von Motortuning kann bis zu 1.000 Euro kosten.
 

Motortuning auf dem Prüfstand

Das DLG-Zentrum in Groß-Umstadt (Deutsche La ndwi rtschafts-Gesell-schaft) wollte es genau wissen und prüfte zwei gebrauchte Traktoren, ein Claas Axion 820 und ein Deutz-Fahr Agrotron X 720 wurden mit einem Chip-Tuning und einem Zusatzgerät getunt. Das Ergebnis war ernüchternd: Beim Claas Axion 820 mit Zusatzsteuergerät stellte sich eine Mehrleistung von 12% ein, der Drehmomentanstieg betrug 3%. Der spezifische Dieselverbrauch war bei keinem der fünf Teillastbereiche geringer als bei der Originaleinstellung. Im Gegenteil, in zwei Punkten lag der Verbrauch signifikant höher. Nur im oberen Drehzahlbereich reduzierte er sich um 4%. Beim ChipTuning hingegen war der Verbrauch um bis zu 5% geringer als bei der Originaleinstellung.
Bedenklicher war für die Techniker, dass sich die Abgastemperaturen bis zu 70 °C und die Temperatur von Motor- und Getriebeöl sowie die Kühlerflüssigkeitstemperatur, aufgrund der zusätzlich thermischen Belastung, um etwa 10 °C erhöhten. Beim Deutz-Fahr Agrotron X 720 kamen durch die zwischengeschaltete Box nicht nur 13% Mehrleistung dazu, sondern auch das Drehmoment steigerte sich im gleichen Maß. Der schon vorher gute Drehmomentanstieg von 50% änderte sich aber nicht mehr. Die thermische Mehrbelastung machte dem Deutz-Motor nicht sonderlich zu schaffen. Die Abgastemperatur stieg lediglich um 20 °C; Motor- und Getriebeöl um 5 °C. Der Einfluss auf den Spritverbrauch war noch hingegen geringer. Die Kurven lagen nahezu gleichauf, lediglich im mittleren Drehzahlbereich von 1.300 bis 1.600 Touren wurde mit der Box um 2% weniger als im Serienzu-stand verbraucht.
Beim Chip-Tuning stieg die Mehrleistung beim Deutz-Fahr Agrotron um 10%, der Drehmomentverlauf änderte sich am stärksten im unteren Drehzahlbereich.
Der Spritverbrauch ging beim vorher schon sparsamen Deutz-Motor nochmals um 9% zurück.
 

Geheimhaltung unmöglich

Verheimlichen lässt sich Motortuning keinesfalls, denn die fahrzeugeigene Motorsteuerbox speichert alle Fehlermeldungen, auch Störungen in der Kraftstoffzufuhr und unzulässige Druckspitzen im Common-Rail-System. Der entsprechende Fehlercode im Speicher kann nur mehr vom Hersteller ausgelesen werden. Auf Grund des Fehlerbildes kann der Fachmann auf eine zurückliegende Tuningmaßnahme schließen. Das kann problematisch werden, besonders dann, wenn es um Motorschäden und somit um viel Geld geht.
 

Fazit

Die Zusatzgeräte bringen zwar eine Mehrleistung des Motors, aber beim Spritverbrauch sehr wenig bis gar nichts. Das Chip-Tuning hingegen darf nur von Spezialisten aufgespielt werden. Dafür werden im Motor mehrere Parameter geändert, was einen erheblichen Einfluss auf den Drehmomentverlauf, die Leistung und den Verbrauch hat. Trotzdem bleibt das Ganze eine Gratwanderung. Abgesehen von den rechtlichen Folgen kann Motortuning auch deutlich höhere Temperaturen von Motoröl, Kühlerflüssigkeit, Abgasen bei Dauereinsatz sowie verschmutzte Kühler bewirken. Fachleute warnen vor schlechtem OBD-Chip Tuning, denn es ist nicht sichergestellt, dass die Schutzmechanismen eines Motors anschließend noch einwandfrei arbeiten. Deshalb sollten Sie vorher genau überlegen, ob das Tuning des Schleppers tatsächlich Vorteile bringt.
 

Medium


Obstbau Weinbau ist seit 1964 ein praxisorientiertes Fachmagazin des Südtiroler Beratungsrings für Obst- und Weinbau. Jährlich erscheinen 11 Ausgaben (Juli/August Doppelnummer) mit Fachartikel über Anbaumethoden, Versuche, Sorten, Forschungsergebnisse, Betriebswirtschaft, Statistiken, Züchtungsergebnisse, Pflanzenschutz, Vermarktung, Lagerung,  Studienreisen u.a. aus den Bereichen Obst-, Weinbau und Kellerwirtschaft.
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