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Mechanische Schnittgeräte , 21.02.2012

MECHANISCHER SCHNITT VON ÄPFELN - EINE NEUE ENTWICKLUNG?

In den vergangenen zwei bis drei Jahren ist das Interesse am mechanischen Schnitt rasant gewachsen.
In den vergangenen zwei bis drei Jahren ist das Interesse am mechanischen Schnitt rasant gewachsen. Im Winter 2010/11 hat bereits eine recht hohe Zahl von Anbauern einen Teil ihrer Anlagen auf diese Weise geschnitten, obwohl die meisten Versuchsstationen erst im vergangenen Jahr angefangen haben, auf breiter Basis Versuche zu dieser Schnittmethode durchzuführen. In diesem Jahr wird sich die Hektarzahl mechanisch geschnittener Obstanlagen noch einmal deutlich vergrößern. Bemerkenswert ist dabei, dass diese Entwicklung nicht auf ein Land beschränkt ist, sondern in ganz Europa gleichzeitig stattfindet. Es ist geradezu ein „Hype" im Bezug auf den mechanischen Schnitt ausgebrochen. Genau genommen ist der mechanische Schnitt aber eigentlich nichts Neues. Er wurde bereits bei vielen Kulturen praktiziert, ob bei allen möglichen Nussarten, Pflaumen und auch Sauerkirschen - und wenn man die Weinreben hinzunimmt, wird mechanischer Schnitt bereits in großem Maßstab durchgeführt - und das weltweit.
Die aktuelle Entwicklung im Obstbau kann nicht gestoppt werden. Sie ist sicherlich den steigenden Lohnkosten und den gleichzeitig gesunkenen Produkterlösen geschuldet, aber sicherlich ebenso der Tatsache, dass es sich herausgestellt hat, dass der mechanische Schnitt auch bei Obst eine reelle Möglichkeit ist.
Beim Apfel sind die ersten ernsthaften Versuche in den 70er und 80er Jahren in Ländern wie Deutschland, den Niederlanden, Polen, Großbritannien und Frankreich gemacht worden. Nach ein paar Jahren stellte sich heraus, dass auf diese Weise nicht das erreicht werden konnte, was wir seinerzeit wollten. Denn obwohl mit diesem System
Arbeitskosten eingespart werden konnten, gab es unerwünschte Nebeneffekte wie stärkeres Wachstum, mehr Äpfel mit kleinerer Fruchtgröße und geringere Fruchtausfärbung. Nach 1980 wurde der mechanische Schnitt nur noch von Betrieben angewandt, die Äpfel für die Verwertung anbauten und viele der Geräte landeten auf dem Schrottplatz.
 

DIE ENTWICKLUNG DER „MUR FRUITIER"

Etwa um 1985 wurde das Prinzip des mechanischen Schnittes auf der Versuchsstation Ctifl in Lanxade (Südfrankreich) vom Versuchsansteller Alain Masseron, und später von seinem Kollegen Laurent Roche, wieder aufgegriffen. Der große Unterschied im Vergleich zu den früheren Versuchen lag darin, dass sie den Schnitt nicht im Winter, sondern im Sommer durchführten, nach einer Methode, die Professor Louis Lorette bereits im Jahr 1914 vorgestellt hatte. Prof. Lorette hatte seinerzeit den Winterschnitt in den Sommer verlegt und hatte damit ein geringeres Wachstum, mehr Blütenknospen, weniger Alternanz etc. erreicht. Alain Masseron begann 1988 mit seinen Versuchen. Im Jahr 1993 war das System dann praxisreif. Er nannte es „Le Mur Fruitier", die Fruchtwand. Mittlerweile hat er das System weiter perfektioniert, nicht nur hinsichtlich des Schnitttermins, sondern auch hinsichtlich der Baumform. Auf der Versuchsstation Ctifl in Lanxade gibt es Bäume von 'Golden Delicious', die bereits seit 23 Jaren mechanisch geschnitten werden und immer noch Qualitätsfrüchte hervorbringen. Mit der Einführung der „Mur Fruitier" war die Basis für den mechanischen Schnitt gelegt. Der heutige moderne mechanische Schnitt basiert auf den von Alain Masseron und Laurent Roche erarbeiteten Grundsätzen.
Nach 1993 wurde das System in Frankreich in die Praxis eingeführt. Um das Jahr 2000 folgten andere europäische Länder, allerdings in deutlich kleinerem Maßstab. Wie es normal ist bei einer neuen Technik, kristallierten sich mit den Jahren gewisse Nachteile heraus, insbesondere die Gefahr zu kleiner Fruchtgrößen bei den kleinerfruchtigen Sorten. In den vergangenen Jahren sind deshalb vielfältige Versuche durchgeführt worden, um diese Nachteile zu beheben. Daraus entstanden sind die Schnitttermine zum Stadium Rote Knospe (BBCH 57) oder nach der Ernte. Mit diesen beiden Variationen ergeben sich auch für kleinerfruchtige Sorten durchaus interessante Möglichkeiten.
 

VERBREITUNG DER FRUCHTWAND IN EUROPA

Bis zum Jahr 2008/09 wurde mechanischer Schnitt zwar in verschiedenen Ländern Europas angewendet, aber auf einem sehr geringen Level. Hervorzuheben ist, dass es bei diesem System nicht die Berater und Versuchsansteller waren, die zur Verbreitung beitrugen. Vielmehr waren es die Anbauer selbst, die hier Potenzial sahen und Versuche anlegten, basierend auf den Regeln, die Alain Masseron und Laurent Roche dafür erarbeitet hatten. Erst danach begannen einzelne Berater, auch auf Drängen ihrer Kunden hin, sich dafür zu interessieren und ihrerseits Versuche zu machen. In dieser Hinsicht waren die Baumschule Carolus und der Anbauer Luc van der Velpen in Belgien wahre Pioniere. Auch an der belgischen Versuchsstation PCF wurden bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt Versuche begonnen, daraus resultierten die ersten unabhängigen Daten. In den Niederlanden war der Berater Eric Buitenhuis maßgeblich für die Einführung des Systems verantwortlich. In Deutschland war es Gerhard Baab, der erste wichtige unabhängige Versuchsarbeit geleistet hat. Je mehr wir über den mechanischen Schnitt wissen, desto deutlicher wird, dass es verschiedene Wege gibt, um es richtig und gut zu machen. Dabei spielen die äußeren Umstände ebenso eine Rolle wie die speziellen Anforderungen des Marktes. Zum Beispiel: • Wenn es an einem Standort aufgrund von überdurchschnittlichem Niederschlag ein kräftiges Triebwachstum gibt, wie das z. B. in der Bodenseeregion der Fall ist, wir der mechanische Schnitt anders durchgeführt als in Regionen mit deutlich geringerem Wachstum.
Wenn die Verbraucher kleinere Fruchtkaliber wünschen, wie das z. B. in England der Fall ist, ist eine anderer mechanischer Schnitt sinnvoll als z. B. in den Niederlanden, wo die Verbraucher gerne größerfruchtigen Äpfeln den Vorzug geben.
Ein kluger Mensch sagte einmal: „Es gibt sehr wahrscheinlich mehr Möglichkeiten des mechanischen Schnitts als es Tage im Jahr gibt."
 

ENTWICKLUNG DER FRUCHTWAND IN DEN NIEDERLANDEN

Auf Druck seiner Anbaukunden begann der Berater Eric Buitenhuis im Jahr 2007/08 mit Versuchen zum mechanischen Schnitt. Besonders im Südwesten der Niederlande begannen zeitgleich mehrere Anbauer mit dieser neuen Kulturform. Ich selbst, der meine Kunden vor allem ganz im Süden von Holland habe, folgte den Entwicklungen in Belgien. Bis zum Jahr 2009 war ich sehr skeptisch, was den mechanischen Schnitt anging. Gleichzeitig wurde ich von meinen Anbaukunden, die die Erfolge in Belgien sahen, dazu gedrängt, mehr darüber zu erfahren, welche Möglichkeiten das System „Fruchtwand" für ihre Region bietet. Daraufhin haben wir im Jahr 2009/10 einige sehr einfache Versuche mit den Sorten 'Jonagold', 'Golden Delicious' und 'Elstar' gemacht.
Insbesondere bei 'Jonagold' waren die Ergebnisse wirklich erstaunlich.
Die Ergebnisse bei 'Golden Delicious' und 'Elstar' waren weniger gut, zum Teil, weil wir nicht genug zusätzlichen (Fein-)Schnitt durchgeführt haben und weil nicht genügend mit Hand ausge¬dünnt worden war.
Im Jahr 2010 hatten wir darauf hin verschiedene Treffen mit unseren Anbauern und wir haben uns auch verschiedene mechanisch geschnittene Obstanlagen in Europa angeschaut.
Mein Planung ging dahin, zuerst mit den Sorten 'Jonagold'/'Jonagored' und 'Boskoop' zu beginnen, von denen ich wusste, dass es gute Ergebnisse gab und später die kleiner-fruchtigen Sorten hinzuzunehmen. Meine Anbaukunden sahen es aber anders. Und so wurden im Winter 2010/11 in meiner Region 175 von 1.300 Hektar Apfelfläche mechanisch geschnitten - beziehungsweise vom „alten" Schnittsystem auf das System „Le Mur Fruitier" umgestellt. Das betraf nicht nur die Sorten 'Jonagold'/'Jonagored' und 'Boskoop', sondern vielfach auch 'Golden Delicious', 'Delcorf und 'Elstar', ja sogar 'Kanzi' und 'Junami' waren dabei.
Wir organisierten Treffen und Vorführungen mit verschiedenen Maschinen, auf denen so gut wie alle Anbauer aus der Region zugegen waren.
 

STAND DER ERFAHRUNGEN 2011 IN SÜD-LIMBURG

Während und nach der Blüte war es 2011 in der Region sehr warm und trocken. Nur im Juli gab es etwas ernstzunehmenden Niederschlag, aber immer noch weniger als in anderen Regionen Europas. Gleichzeitig ist es in vielen Anlagen aus meinem Beratungsgebiet nicht möglich, Wasser zu geben.
Die Blühsaison war kurz und knackig. Weil wir dachten, dass eine mechanische Ausdünnung im Jahr der Umstellung nicht notwendig ist, wurde sie so gut wie gar nicht durchgeführt - ein Fehler, wie sich im Nachhinein herausstellte. Entsprechend stark war der Fruchtansatz. Die chemische Ausdünnung war nicht zufriedenstellend - wie auch in vielen anderen Regionen Europas in diesem Jahr.
Der Triebzuwachs war relativ schwach und stoppte bereits Ende Mai. Der mechanische Schnitt erfolgte im 8-10-Blatt-Stadium der einjährigen Triebe.
Wegen der hohen Temperaturen und der Trockenheit gab es deutlichen Stress für die Bäume, der Fruchtgrößenzuwachs stagnierte. Gleichzeitig forderten der starke Fruchtansatz und die nicht erfolgreiche chemische Ausdünnung einen enormen Handausdünn-Aufwand - nicht immer wurden hier genügend Früchte heruntergeholt. Im Jahr 2011 gab es eine enorme Ernte - die größte seit Beginn der Aufzeichnungen. Trotz diese hohen Fruchtansatzes scheint der Blütenknospenbesatz für 2012 bei den mechanisch geschnittenen Bäume gut zu sein.
Als Folge des enormen Fruchtansatzes, zu wenig Handausdünnung und Trockenheit war die Fruchtgröße bei den mechanisch geschnittenen Bäumen bis Anfang August etwa 3-5 mm geringer als bei traditionell geschnittenen Bäumen. Glücklicherweise gab es im August Regen, so dass die Größendifferent zur Erntezeit sich auf 2-3 mm reduzierte.
Wie in fast ganz Europa verzögerte sich die Fruchtausfärbung von 'Jonagold'/ 'Jonagored' als Folge der relativ hohen (Nacht-)Tempertaturen bis in den Oktober hinein. Am Ende kam die Farbe dann doch noch, währen die Fruchtqualität (Fruchtfestigkeit, Grüne Hinter¬grundfarbe und Stärkeabbau) auf einem guten Level blieb.
Trotz dieser sehr speziellen Wetterbedingungen im Jahr 2011 sind die Anbauer in Süd-Limburg immer noch für den mechanischen Schnitt. Entsprechend wird die Hektarzahl mechanisch geschnittener Apfelanlagen weiter zunehmen. Das Jahr 2011 hat uns aber gezeigt, dass eine mechanische Ausdünnung unbedingt notwendig ist, insbesondere bei den kleiner-fruchtigen Sorten. Ganz abgesehen von den Möglichkeiten, die uns der mechanische Schnitt hier bietet (Schnittzeitpunkt rote Knospe bzw. nach der Ernte), bringt und die Handausdünnung bei diesen Sorten eine bessere Fruchtgröße.
DIE ZUKUNFT DES MECHANISCHEN SCHNITTS
Ich bin davon überzeugt, dass der mechanische Schnitt keine Modeerscheinung ist, sondern sich langfristig als eine Form des Schnitts im Obstbau etablieren wird. Natürlich wird es sich noch weiterentwickeln und auch verbessert werden müssen. die Entwicklung der wenigen vergangenen Jahre hat gezeigt, das noch vieles möglich ist - mehr, als wir anfangs dachten. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und Zeitpunkte, um einen mechanischen Schnitt durchzuführen - mit positiven Effekten auf Fruchtgröße und Blattqualität sowie weniger Stress im Sommer - und gleichzeitig einen geringeren Neuzuwachs zu bekommen und eine gute Blütenknospenentwicklung zu erreichen.
Ich persönlich bin sehr enttäuscht, dass es in der Niederländischen Versuchsstation nicht erlaubt ist, Versuche zum mechanischen Schnitt und zur mechanischen Ausdünnung zu fahren (weil die Finanzierung nicht gesichert ist). Die Verantwortlichen in der Versuchsplanung denken immer noch, dass mechanischer Schnitt nur zu kleineren Äpfeln führt und im Höchstfall nur einen Mehrgewinn von 0,02 bis 0,04 € bringt wegen der geringeren Schnitt-und Erntekosten. Sie vergessen dabei, dass es mit mechanischen Schnitt möglich ist, mehr Deckfarbe und weniger Alternanz zu erreichen - und damit gleichmäßigere Ernten. Gleichzeitig vergessen sie, dass die Kosten für Handarbeit in den kommenden Jahren weiter steigen werden und, noch wichtiger, es wird immer schwieriger, gut ausgebildete Kräfte für einen qualitativ hochwertigen Schnitt zu bekommen. Trotz alledem: Ich bin überzeugt, dass dies die Weiterentwicklung des mechanischen Schnitts in den Niederlanden nicht verhindern kann. wie bei den meisten neuen Techniken werden es die Anbauer sein, die Versuchsansteller und Berater dazu bringen, in diese Richtung weiter zu forschen. Gute, unabhängige Forschungsarbeit ist notwendig, um einen Überblick darüber zu bekommen, was unter den speziellen Bedingungen eines jeden Standortes sinnvoll und richtig ist. Nur dann können wie unsere Anbauer entsprechend beraten. Der intensive Informationsaustausch zwischen Versuchsanstellern, Beratern und Anbauern ist elementar, damit dieses neue System ein Erfolg wird.
Obwohl es immer Unterschiede in den Standortbedingungen, dem Klima und/oder den anforderungen des Marktes geben wird: Wir können UND müssen voneinander lernen.
 

Medium

1975 hat der Vorstand der Fachgruppe Obstbau den Beschluß gefaßt, ab Januar 1976 eine Verbandseigene Fachzeitschrift herauszugeben. OBSTBAU hat sich seitdem zu einer renommierten Fachzeitschrift entwickelt, auf die kein zukunftsgerichteter Betriebsleiter/ Betriebsleiterin verzichten kann. Mit einer Auflage von über 7000 Exemplaren ist OBSTBAU heute die größte überregionale Fachzeitschrift für Obstbau im deutschsprachigen Raum.

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