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Traktoren, 15.05.2020

Augen auf beim Schlepperkauf!

Teil 1: Was gibt es überhaupt?
Der Schlepper, auch Traktor oder Bulldog genannt, dient als Kraftquelle für die meisten Arbeiten im Obstbaubetrieb.
Vom passenden Schlepper mit entsprechenden Ausstattungsmerkmalen werden die Arbeitsproduktivität und die Bewirtschaftungskosten entscheidend beeinflusst.
 
Die Geländegängigkeit und Wendigkeit sind abhängig von der Gewichtsverteilung, der Bereifung, dem Lenksystem, den Bodenverhältnissen und den angebauten Arbeitsgeräten. Die Blockbauweise ist bei den meisten Schleppern der konstruktive Grundaufbau. Dabei sind der Motor, das Getriebe und die Hinterachse zu einem Block verschraubt, der die tragende Struktur des Schleppers bildet. Die Schlepperformen lassen sich nach ihrer Bauart in Rad- und Kettenschlepper einteilen. Entsprechend ihres Einsatzbereiches gibt es verschiedene Bauarten (s. auch Abb. 1).
 
Radschlepper
• Standardschlepper
• Schmalspurschlepper/Plantagenschlepper
• Schmalspurschlepper/Plantagenschlepper mit Knicklenkung
• Systemschlepper
• Hochradschlepper/Überzeilenschlepper
• Kettenschlepper (Raupenschlepper)
 
Standardschlepper
Leistungsstarke Standardschlepper sind im Obstbau unverzichtbar. Sie dienen als Zug-, Transport- und gegebenenfalls Antriebseinheit. Grundsätzliche Merkmale sind ein Fahrerstand über dem Heck, eine Achsschenkellenkung mit kleineren Vorderrädern und ein Hinterrad- bzw. ein Allradantrieb über Hinter- und Vorderachse. Der Geräteanbau erfolgt an der Front- und der Heckseite.
 
Schmalspurschlepper/Plantagenschlepper
In Anlagen mit Gassenbreiten von 1,60 m bis 2,40 m wird im Direktzug der Schmalspurschlepper eingesetzt. Seine Breite beträgt in Abhängigkeit von der Bauform und der Bereifung etwa 1,00 m bis 1,40 m. Beim Einsatz ist darauf zu achten, dass
die Gasse mindestens 60 cm breiter sein sollte als der Schlepper. Die Gewichtsverteilung Vorderachse/Hinterachse beträgt etwa 40/60. Der Leistungsbereich liegt zwischen 40 und 80 kW. Die sonstigen technischen Merkmale entsprechen weitgehend denen von Standardschleppern. Für Zeilenbreiten ab 2,40 m werden häufig die breiteren Plantagenschlepper eingesetzt, deren sonstige technische Ausstattung mit der von Schmalspurschleppern übereinstimmt.
 
Schmalspur-Knickschlepper
Kennzeichen der Schmalspurschlepper mit Knicklenkung sind die gleichgroßen Räder auf beiden Achsen. Durch die Achsenlastverteilung vorn/hinten von etwa 60/40 kann im Gelände eine Steigfähigkeit von 50 bis 55 % erreicht werden. Mit Hilfe
der Knicklenkung wird ein geringer Wendekreisdurchmesser und dadurch eine
gute Wendigkeit erreicht. Die Art der Lenkung bewirkt den sogenannten „Nachlaufeffekt“. Das bedeutet, dass im Kurvenfahren die Hinterräder den Spuren der Vorderräder nachlaufen. Deshalb ist bei knickgelenkten Schleppern der Platzbedarf beim Wenden gegenüber anderen Bauformen geringer. Zur Verbesserung der Fahreigenschaften, insbesondere beim Wenden unter ungünstigen Bedingungen, sind manche Fabrikate mit einen Radlastausgleich ausgestattet. Einige Knickschlepper verfügen über einen permanenten Allradantrieb. Auch Fabrikate mit hydrostatischem Antrieb werden angeboten.
 
Schmalspur-Systemschlepper
Kennzeichen der Systemschlepper ist der zusätzliche Anbau- bzw. Aufbauraum. Als Frontsitztraktoren ermöglichen sie z.  B. eine gute Sicht und geben einen Aufbauraum hinter der Kabine frei. So werden Systemschlepper von der Firma Holder als Knickschlepper mit permanentem Allrad, stufenlosem Fahrantrieb und vier gleich großen Rädern angeboten (s. Foto 1).
 
Schmalspurschlepper mit Dreieck-Raupenfahrwerk
Eine Abwandlung der klassischen Räderfahrwerke stellen die Delta- oder Dreieckraupenfahrwerke dar. Diese Fahrwerke können auch an Schmalspurschleppern installiert werden, wobei es sowohl die Möglichkeit eines Mischfahrwerks (hinten Dreieckgummiraupenfahrwerk und vorne Räder, Halbraupenfahrzeug) als auch die Ausstattung als sogenannter „Quadtrack“ (vorne und hinten Dreieckraupenfahrwerk) gibt. Bis auf das Gummikettenlaufwerk bleiben alle Ausstattungsmerkmale des Schmalspurschleppers erhalten. Zugkraft, Bodenschonung, Steigfähigkeit und Anpassung an die Bodenoberfläche sollen aber durch das Dreiecklaufwerk verbessert werden. Die Lenkung erfolgt über Knick- oder Achsschenkellenkung. Die zumeist pendelnd oder federnd ausgeführten Gummilaufwerke ermöglichen Fahrgeschwindigkeiten bis 40 km/h. Als Quadtrack produziert wird derzeit der Mach 4 von der Firma Carraro. Das Halbraupenfahrzeug von Carraro mit Dreiecklaufwerk nur hinten wird als Mach 2 bezeichnet.
 
Hochradschlepper (Überzeilenschlepper)
Hochradschlepper können aufgrund ihrer großen Bodenfreiheit über die Zeilen hinwegfahren und ermöglichen damit mehrreihige Arbeitsverfahren. Sie sind vor allem im Strauchbeeren-Anbau interessant. Die größere Spurweite und der größere Radabstand bewirken eine gute Kipp- und Richtungsstabilität. Weitere Vorteile sind die gute Wendigkeit und ein Seitenhangausgleich. Der hohe Schwerpunkt begrenzt allerdings die Steigfähigkeit auf ca. 30 bis 35 %. Der Anbau von Geräten ist vorne und hinten möglich, bedingt aber spezielle Aufnahmevorrichtungen. Eine Zapfwelle ist in der Regel nicht vorhanden, weshalb die Anbaugeräte meist hydraulisch angetrieben werden. Während in Frankreich in vielen Regionen reihenübergrätschende Hochradschlepper zur Mehrzeilenbearbeitung schon seit Jahrzehnten eingesetzt werden, konnten sie sich in Deutschland bisher nicht durchsetzen.
 
Schmalspur–Kettenschlepper (Raupenschlepper)
Ketten- oder Raupenschlepper kommen vorwiegend in Anlagen zum Einsatz, die von Radschleppern wegen der Steigung und/oder des Untergrundes nicht befahren werden können. Dafür sind sie mit Gleiskettenlaufwerken ausgestattet, wodurch eine größere (längere) Aufstandsfläche und ein geringerer Kontaktflächendruck als bei Radschleppern erreicht wird. Durch den tief gelegenen Schwerpunkt ist eine gute Kippsicherheit gegeben. Als Anbauräume für Geräte dienen das Heck und die Front. Der Antrieb erfolgt über ein im Fahrzeugheck angeordnetes Treibrad auf die Antriebskette, wodurch die Kettenglieder in Fahrtrichtung bewegt werden und das Fahrzeug auf Lauf- und Führungsrädern mitgezogen wird. Die Umlenkung erfolgt über ein Leitrad im Frontbereich. Die Kettenantriebe jeder Seite können unabhängig voneinander (bei Raupen mit hydrostatischem Antrieb auch gegenläufig) angetrieben werden. Dadurch ist es möglich, auf der Stelle zu drehen. Zum Lenken wird bei Raupen mit Schaltgetriebe eine Kupplungs-Brems-Lenkung eingesetzt. Das Lenken erfolgt durch Betätigung der Bremslenkhebel. Bei hydrostatischen Raupen erfolgt der Antrieb durch Hydromotoren über zwei geschlossene Kreisläufe direkt an die Kettenzahnräder im Fahrwerk. Gelenkt wird jeder Antriebsmotor einzeln hydraulisch über eine Zwei-Hebel-Bedienung, mit Joystick oder elektrisch per Funksteuerung.
 
Zur Abstützung der Maschinenmasse gegenüber der auf dem Boden verlegten Kette und in geringerem Umfang zur Stabilisierung des oberen Kettenturms dienen Stützrollen. Bei Kettenbreiten von 30 cm und mehr sowie einem extrem niedrigen Schwerpunkt ist ein relativ sicheres Hangbefahren auch im Grenzbereich möglich. Das Fahrwerk kann mit einem Metallgleisketten- oder einem Gummibandlaufwerk ausgestattet sein, wobei heute wegen der Schonung befestigter Fahrbahnen i. d. R. dem Gummilaufwerk der Vorzug gegeben wird. Der Fahrantrieb ist bei modernen Schleppern meist hydrostatisch, auch wenn es im Handel noch Raupen mit mechanischem Antrieb gibt. Die Produktpalette ist sehr umfangreich und umfasst Kleinraupen ohne Mitfahrgelegenheit, kleine Aufsteh- und Aufsitzraupen sowie leichte und schwere Aufsitzraupen. Es lassen sich Grenzsteigungen bis etwa 60 % erreichen. Für extremere Steigungen können hydrostatische Raupen mit einer Hangelwinde ausgestattet werden (s. Foto 3). Die Seilwinde unterstützt die Raupe beim Bergauffahren mit ihrer Zugkraft, bei der Talfahrt hat sie eine Bremswirkung.
 
Kriterien beim Schlepperkauf: Wahl der Bauart
Da die betrieblichen Einsatzbedingungen für die Maschinen im Obstbau sehr unterschiedlich sind, muss der Anbauer eine auf seinen Betrieb abgestimmte Gewichtung der erforderlichen Maschinenausstattungen vornehmen. Dies beginnt schon bei der Wahl der geeigneten Schlepper-Bauart.
 
Die Geländebeschaffenheit, die Geländeform und -eignung sind die entscheidenden Kriterien bei der Wahl der Schlepperbauart. Dort, wo die Anlagen mit konventionellen Schmalspurschleppern problemlos bewirtschaftet werden können, wird man sich vorrangig für diesen Typ entscheiden. Sind insbesondere die Steigungen mit dieser Bauart nicht mehr zu bewältigen oder die Vorgewende sehr eng, wird als nächstes der knickgelenkte Schlepper mit gleich großen Reifen hinten interessant. Erst wenn die Steigfähigkeit dieser Schlepperbauart durch den Untergrund oder die Hangneigung limitiert sein sollte, kommt die Anschaffung von Raupenschleppern in Betracht. Die zusätzliche Ausstattung mit einer Hangelwinde bringt nur in Weinbergen mit extremen Steigungen mehr Sicherheit und Bodenschonung.
 
Überzeilenschlepper bieten in Strauchbeerenanlagen eine größere Schlagkraft, beispielsweise bei Pflanzenschutzmaßnahmen oder der Ausbringung organischer Dünger. Interessant sind diese Schlepper damit vor allem für Lohnunternehmer und Großbetriebe. Allerdings sind dafür entsprechende Umbaumaßnahmen und Anpassungen für den An- und Aufbau von Geräten erforderlich.
 
Arbeitsplatz Schlepper
Bei einer Neuanschaffung sollte insbesondere auch der Arbeitsplatz Kabine berücksichtigt werden. Wichtig sind eine ergonomische Kabinengestaltung, ein leichter Einstieg, übersichtliche und gut erreichbare Bedienungselemente, gute Sichtverhältnisse auf die Anbauräume, leichtes An- und Abhängen der Geräte, geringe Geräuschbelastung, gute Belüftung und Klimatisierung der Kabine sowie Filterung der Kabinenluft.
 
Um nicht schädlichen Schwingungen ausgesetzt zu sein, ist es notwendig, dass die Kabine vibrationsgedämpft auf den Schlepper montiert wird. Sitze mit Luftfederung oder mechanischer Dämpfung, die sich auf Körpermaße und -gewicht einstellen lassen, mindern ebenfalls die Schwingungsbelastung. Auf weiteren Komfort, wie schweißaufsaugende Sitzbezüge, günstige Gestaltung von Sitz, Arm- und Rückenlehnen sowie gute Höhen- und Längsverstellung ist ebenfalls zu achten. Einen weiteren wichtigen Beitrag zur Vermeidung von Schwingungen können eine Vorderachsfederung und eine Schwingungsdämpfung am EHR leisten.
 
Auch das Klima ist für das Wohlbefinden von Bedeutung. Es umfasst die Faktoren Lufttemperatur, relative Luftfeuchte, Luftgeschwindigkeit und Strahlungstemperatur. Während durch die Kabine sowohl Wetterschutz als auch eine ausreichende Heizung für den Winter gewährleistet werden, lässt sich das Problem von zu hohen Temperaturen im Sommer am besten durch eine Klimaanlage lösen. Das Öffnen der Scheiben wird zwar häufig praktiziert, hat aber den Nachteil, dass Geräusche, Staub und evtl. Spritzbrühe den Fahrer belasten. Deshalb muss eine gute Be- und Entlüftung der Kabine vorhanden sein. Klimaanlagen sind sinnvoll und nicht als unnötiger Luxus anzusehen. Die benötigte Antriebsleistung von 2 bis 3 kW stellt bei den heutigen Schleppern kein Problem dar.
 
An einem Arbeitsplatz wie dem Schlepper in einer Obstanlage ist mit Schadstoffen in Form von Abgasen und Staub zu rechnen. Bei der Arbeit mit Pflanzenschutz- und Düngemitteln kommen weitere Stoffe hinzu, die belästigende oder schädliche Wirkung haben können. Zum Schutz der Menschen wurden deshalb für viele Stoffe die zulässigen maximalen Arbeitsplatzkonzentrationen (MAK-Wert) festgelegt. Um das Risiko gesundheitlicher Schädigung herabzusetzen, sind in bestimmten Fällen zusätzliche Schutzmaßnahmen, wie Schutzhandschuhe, Atemschutzmaske oder vollständiger Schutzanzug vorgeschrieben (Auflagen zum Anwenderschutz). Schlepperkabinen bieten in diesen Fällen zwar einen weitreichenden Schutz, aber zusätzlich ist auf eine Filterung der Kabinenluft durch eingebaute Staub- und Schadstoff-Filter zu achten. Schlepper-Kabinen werden in Abhängigkeit von ihren schützenden Eigenschaften gegen Staub, Aerosole und Dämpfe in vier Klassen eingruppiert (s. Tab. 1). Die in Zeiten steigender Pflanzenschutzauflagen immer wichtiger werdende Kategorie 4 wird bei Schmalspurschleppern nur von einigen Herstellern, und dann auch nur optional, angeboten. Bei einem Neukauf sollte deshalb die Kategorie 3 Minimalanforderung sein, wenn der Schlepper bei Pflanzenschutzmaßnahmen zum Einsatz kommen soll.
 
Bei der Schleppergestaltung sollen Funktionalität, Sicherheit und Ergonomie im Vordergrund stehen. Der Sitz muss neben der Schwingungsdämpfung eine bequeme Körperhaltung und ein sicheres Erreichen der Bedienteile ermöglichen. Die Instrumente und Betriebsanzeige sollten zentral im Blickfeld des Fahrers angeordnet sein. Sie sollten blendfrei ausgeführt und entsprechend ihrer Bedeutung mit Signalgebern gekoppelt sein. Wichtige, d. h. oft benötigte Bedienteile sollten möglichst im günstigen Bereich (Optimum) für Hände und Füße liegen. Selten benutzte Bedienteile können im gerade noch erreichbaren Bereich (Maximum) angebracht sein. Die Bedienungshebelanordnung sollte einen freien Durchstieg in der Kabine ermöglichen. Elektrohydraulische Schalter- oder Drehknopfbedienungen können teilweise auf einer seitlichen Bedienkonsole untergebracht werden. Auch lassen sich die zunehmenden elektrohydraulischen Bedienungen alternativ in Multifunktionshebel mit Druckknopfbedienung zusammenfassen und schaffen zudem Platz in der engen Kabine (s. Foto 4). Damit ergeben sich Möglichkeiten zur besseren Anordnung der Fahrerinformationssysteme. Diese umfassen heute eine größere Zahl an Betriebsdaten und werden vorzugsweise als digitales Bordinformationssystem mit Tastatur für die Vorwahl der jeweils gewünschten Anzeigenfunktion ausgeführt. Hinsichtlich Anzeigevielfalt und Präzision erhält der Fahrer damit einen besseren Informationsstand, in den Elektroniksysteme zur Regelung von Schleppermotor oder -getriebe einbezogen sein können.
 
Bei allen Arbeiten ist eine gute Rundumsicht erforderlich. Kabinenstreben sollten daher möglichst schmal und Verglasungen möglichst großzügig ausgeprägt sein. Verdrehte Körperhaltungen können evtl. durch zusätzliche Spiegel oder eine Kamera vermieden werden. Einstiege sollten durch Haltegriffe und Einstiegstufen sicher begehbar sein.
 
Ausblick auf Teil 2
In Teil 2 in der kommenden Ausgabe von OBSTBAU wird es um die „inneren Werte“ eines Schleppers wie Motorleistung, Abgasemmissionen, Kraftstoffverbrauch und Getriebelleistung gehen.
 


Über den Autor
Oswald Walg, DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück, Rüdesheimer Str. 60-68, 55545 Bad Kreuznach,
Tel.: 0671 820-313, E-Mail: oswald.walg@dlr.rlp.de

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1975 hat der Vorstand der Fachgruppe Obstbau den Beschluß gefaßt, ab Januar 1976 eine Verbandseigene Fachzeitschrift herauszugeben. OBSTBAU hat sich seitdem zu einer renommierten Fachzeitschrift entwickelt, auf die kein zukunftsgerichteter Betriebsleiter/ Betriebsleiterin verzichten kann. Mit einer Auflage von über 7000 Exemplaren ist OBSTBAU heute die größte überregionale Fachzeitschrift für Obstbau im deutschsprachigen Raum.
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